Gründe für schlechte Laune gibt es immer und im Überfluss. Das also kann es nicht sein, wenn schlechte Laune vorherrscht. Schon gar nicht, wenn es eigentlich sehr gut geht im Allgemeinen. Zu denken gibt auch, wenn das Grundempfinden eines ganzen Volkes miesepetrig ist.

Kürzlich habe ich einen Artikel über die Zufriedenheit im europäischen Vergleich gelesen. Dabei kam heraus, dass Deutschland im Glücklich-Sein einen der letzten Plätze belegt. In dieses Bild passt auch, dass die heutigen Studenten sich selbst massiv unter Druck setzen, obwohl sie eigentlich am wenigsten Grund dazu hätten, sowohl im europäischen Vergleich (Akademiker werden in Deutschland mehr als sonstwo gesucht) als auch im zeitlichen Vergleich (Heute mehr denn je).

Daran kann es also nicht liegen. Ich will gar nicht sagen, dass es in Italien besser wäre. Aber man könnte natürlich plakativ sagen: die hätten wenigstens  Grund dazu. Tatsächlich findet man die Grundstimmung einer verbissenen, andauernden schlechten Laune in Italien eher wenig - dagegen oft Selbstironie bis hin zur Demontage der gesamten Politik, einschließlich und besonders der Bürokratie.

Vergogna - Schande

Als Außenstehender bekommt man dieses Lästern über die Politiker gar nicht in diesem Ausmaß mit. In Abgrenzung zu anderen Gruppen halten die Italiener dann doch zusammen, wie jede andere vernünftige Nation. Intern wird aber dafür umso mehr abgelästert, ein richtiges "Bashing", wie es im deutschen Sprachgebrauch heißt.

Dieses Niedermachen der eigenen Regierung ist bei den Deutschen so nicht verbreitet. Vielleicht steckt dazu noch zu sehr der Preuße in uns, das Pflichtbewusstsein und die Loyalität zum Staat. Und schließlich sind die Politiker ja frei und demokratisch gewählt.

Die Italiener sind eher die Partisanen, Anarchisten, wenn's drauf ankommt. Auf jeden Fall gibt es klare Präferenzen und die Loyalität zum Staat rangiert irgendwo auf den unteren Rängen.

Il secchione - der Streber

Die Deutschen sind sogar als "Euro-Primus" chronisch unzufrieden, wahrscheinlich gerade deshalb. Das, was die Deutschen von anderen Völkern unterscheidet ist nicht die harte Hand von "La Merkel", auch nicht der Perfektionismus in gewissen Teilen, das vorausschauende Denken, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie kollektiv als Volk unter dem Liebesentzug ihrer Europa-Kameraden leiden. Die Engländer, Franzosen oder Italiener kämen erst gar nicht auf diese Idee. Von den Amerikanern ganz zu schweigen.

Und ehrlich gesagt: die Probleme, die die Deutschen als Volk momentan haben, hätten selbst gerne unsere Nachbarn in Europa. So bleibt uns also nichts weiter als schmallippig und verbissen weiter zu marschieren. Den anderen geht's schlecht, weil sie jahrelang ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, vielleicht sogar in großem Stil geschummelt haben und wir sind eigentlich auch nicht so richtig zufrieden, weil ... Ja, warum eigentlich?

Mal Hand aufs Herz: ist denn wirklich einer unter uns Steuerzahlern, der wirklich Nachteile in Kauf nehmen musste durch die Trickserei in griechischen Bilanzen? Ich meine, ganz persönlich. Natürlich beschweren wir uns alle in Deutschland über zu hohe Steuern (der Mehrwertsteuersatz in Italien liegt bei 22%) zu hohe Benzinpreise (0,30 € teurer in Italien), schwerfällige Bürokratie (... das wäre ein eigenes Kapitel wert).

Wer seine schlechte Laune mit dem Schmarotzertum anderer rechtfertigt (oder jedenfalls das als Grund vorschiebt), tut sich selbst und anderen unrecht.

"Jede Krise ist eine Chance" heißt es hoffnungsfroh von denen, die selbst nicht betroffen sind. "Irgendwann muss es ja mal besser werden" hört man dagegen von der anderen Seite. Eines scheint aber zu stimmen: "La crisi" bringt an den Tag, was in den Jahren davor schon schief gelaufen war. Und wenn sich nichts im Kern ändert, wird aus der "crisi" ein "desastro"!

Es drängt sich nahezu auf, in diesen Tagen und Wochen über Politik zu sprechen. Aber ich will's mir verkneifen. Ich habe schon gar keine Lust mehr, abends den Fernseher einzuschalten: Im Parlament ein Eiertanz nach dem andern, und obwohl nun eine feste Regierung steht, zeigen sich darin schon die ersten Korrosionserscheinungen. Da geht es zunächst einmal und vor allen Dingen um die Grundsteuer auf das erste Haus: DAS Wahlkampfthema von Berlusconis Partei PDL. Die spielen nun in der großen Koalition die zweite Geige - zweifellos die bessere Rolle in diesen Zeiten. Und Grillo hat überhaupt den besten Part: er ist gegen alles und jeden!

Trübe Aussichten und keine Besserung in Sicht

Es soll hier nicht um Politik gehen, aber das st auch nicht nötig: die Krise in Italien gehört mittlerweile so fest zum Tagesgeschehen dazu, dass wir auch im alltäglichen und privaten Bereich ganz schnell wieder in der Politik sind und deren Folgen für die sogenannte Realwirtschaft. Und da sieht's ziemlich mau aus.

Der Nachfrage in Italien ist massiv eingebrochen, jedenfalls was die Pflanzen angeht. In den anderen Bereichen ist es auch nicht besser: Mein Friseur, der Tierarzt, Restaurants sowieso, alle melden mehr oder weniger starke Rückgänge.

Aber alle machen sich geradezu rührend Mut und Hoffnung: es muss ja mal irgendwann wieder aufwärts gehen, oder man schielt auf den Nachbarn und will dort auch wenig Bewegung gesehen haben. Aber was sagt das denn überhaupt aus? Und was nützt mir selbst das?

Die Lösung für alle: wür müssen mehr verkaufen!

In Pistoia stelle ich - mehr denn je - eine starke Orientierung am Verkaufsvolumen fest. "Quello ha ordinato un camion di piante" - Der hat einen ganzen LKW voll Pflanzen bestellt - höre ich, wenn es um einen guten Neukunden geht und im stillen ärgere ich mich dann. Liquiditätsorientiert muss man so was nennen und die meisten verbrennen sich die Finger daran.

Kaum einer der kleinen und mittelgroßen Baumschulen in Pistoia hat belastbare Kennzahlen, um sowas zu kalkulieren. So kann ein Unternehmen innerhalb von zwei oder drei Jahren ausbluten durch zu starke Preisnachlässe, verstärkt noch durch zu hohe Personalstände, defizitäre Sortimente... die Liste ist lang.

"Un camion di piante" heutzutage ist scharfe Kalkulation und hat nichts mehr mit der großzügigen Kalkulation von vor zehn Jahren zu tun. Dicke Margen erlaubten damals Bestellungen nach Gutsherrenart. Heute muss der Betrieb in der Lage sein, durch das Verkaufs-Volumen eine nennenswerte Einsparung zu erzielen, die den Rabatt auffängt.

Hört sich theoretisch an, ist aber ziemlich banal und leider ein harter Fakt: Ein Familienbetrieb mit 5 Arbeitern u. Angestellten kann nicht günstiger arbeiten, wenn er statt 10 Photinien 100 an denselben Kunden verkauft. Aber der Kunde möchte - zu Recht - trotzdem seinen Mengenrabatt. Im Klartext heißt das: Man bekommt mehr Geld, verdient aber weniger oder gar nichts daran!

Neue Wege sehen und gehen

"La crisi" wird uns alle verändern in unserem wirtschaftlichen Denken und Handeln. Aber ich fürchte, nicht jeder hat kapiert, wo für das eigene Unternehmen die Reise hingeht, geschweige denn wie und wohin er die Richtung ändern kann.

"La speranza è l'ultima a morire" - Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Aber Hoffnung ohne Fantasie und konkrete Ideen (vor allem strukturell und organisatorisch!) lähmt und ist letztendlich tödlich für ein Unternehmen.

Das Lied von Toto Cutugno war die Hymne der heimwehkranken Exil-Italiener in den 70ern. Das Lied ist eine lange Auflistung der vielen Kleinigkeiten, die im Leben eines Italieners ihren festen Platz haben: die vielen italienischen Pendants zu "Goethe", "Robert Lemke", "Stammtisch", "Vorgarten",  - aber eben auch aus dieser Zeit und etwas angestaubt...

Italienische Lebensart ist wunderbar griffig. Aber eigentlich sind ja alle Klischees wunderbar griffig: Il Tedesco - Der Deutsche zum Beispiel: bestrumpfte Füße in Birkenstock-Sandalen sind ja längst out. Das hat mittlerweile auch der hartnäckigste Teutone verstanden. Aber der Capuccino nach einem guten Mittagessen schmeckt immer noch. Ein echter Italiener trinkt nach dem Essen Cafè, was wir in Deutschland als Espresso bezeichnen. Wer übrigens die deutsche Brühe möchte (so nennen die Italiener unseren Kaffee: brodaglia tedesca), der muss Cafè americano bestellen.

Und dann gibt's da noch ein paar andere Dinge, mit denen sich der Deutsche zu erkennen gibt, aber dazu später vielleicht mehr.

Aber ich möchte ja über die Italiener reden, nach so viel Polemik über Berlusconi: der soll ja jetzt wieder kandidieren, oder soll er doch nicht? Oder über das viele Geld, was uns der ganze Klamauk kostet: was kostet das denn nun wirklich?